16. November 2007 - Diese Brücke zu verhindern ist Bürgerpflicht (Die Welt)
Von Alan Posener

Die üblichen Verdächtigen protestieren gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke in den Dresdener Elbtalauen: Gutmenschen, Strickpullover- und Bedenkenträger. Man mag nicht für sie streiten, doch sie haben Recht. Abwasserrohre baut ja auch niemand durchs Wohnzimmer.

Natürlich geht es um viel mehr als nur um eine Brücke. An den Elbtalauen inszeniert die deutsche Romantik ihren Endkampf gegen die Zivilisation. Jedenfalls kann es auf den ersten Blick so scheinen. Dort das ganze nörgelnde, technikfeindliche, zukunftsängstliche Gutmenschentum, all die Strickpullover- und Bedenkenträger, all die Krötentunnelbauer und Denkmalschützer, die ihre Frustration und Feindschaft gegen alles Neue entladen im Kampf gegen eine simple Autobrücke. Hier die einfachen Bürger Dresdens, die in einem Volksentscheid ihren Willen demokratisch bekundet haben: Wir brauchen diese Waldschlösschenbrücke.

Überall das Genöle

Ach, was hat man das reflexartige Neinsagen satt! Ob bei der Startbahn West damals in Frankfurt oder beim Transrapid heute in München, beim Riesenbauprojekt „Stuttgart 21“ oder eben bei dieser Brücke zur Entlastung der Dresdener Innenstadt: Bedenken, Gutachten, Gerichte, Petitionen, Demonstrationen – und dazu das pretiöse Genöle der Feuilletonisten, die in Dresden gerade mal den Weg von der Semperoper zum Italiener auf den Brühl’schen Terrassen kennen, wo der Pinot Grigio wartet.

Die Versuchung ist groß, im Namen des Volkes eine Lanze für die Brücke zu brechen, die sich im großen Bogen über den Fluss werfen soll – vom Elbufer der Innenstadt kaum sichtbar: da sind ältere Brücken im Wege. Es geht aber nicht. Diese Brücke ist unvernünftig. Sie darf nicht gebaut werden.

Es geht nicht um die Unesco mit ihrer Drohung, dem Elbtal den Titel „Weltkulturerbe“ abzuerkennen, wenn die Dresdener ihre Brücke bekommen. Zu Recht fragen die Bürger, was man sich denn von dem Titel kaufen kann. Im Streit zwischen zweifelhaftem Völkerrecht und der Koalition der unwilligen Bürger hat das Bundesverfassungsgericht vor Monaten verkündet: Volkswille geht vor.

Der Preis für Schönheit

Es geht auch nicht um die Interessen der Kleinen Hufeisennase, einer bis vor kurzem selbst den meisten Umweltschützern unbekannten und völlig gleichgültigen Fledermausart. Ihr zuliebe, so hat es das Sächsische Oberverwaltungsgericht in Bautzen diese Woche beschlossen, darf der Brückenbau nicht länger aufgehalten werden.

Gut so. Denn damit sind die Scheinargumente aus dem Weg. In Wirklichkeit geht es um das Verhältnis des Bürgers zu seiner Umgebung. Um den Preis, den man für Schönheit zu zahlen bereit ist. Um die Frage der Selbstachtung.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts lehnten die Dresdner Stadträte den Bau einer Fußgängerbrücke für Wanderer an dieser Stelle ab, und zwar wegen „Bedenken ästhetischer Art“. Die Stadt erwarb daraufhin die Wiesen am Waldschlösschen und erließ ein Bauverbot. Damals stand „Elbflorenz“ noch in voller Pracht; Schönheit hatte man im Überfluss, sie war nicht Mangelware wie heute. Es ging nicht um Fledermäuse oder die Unesco: man war sich einfach zu schade, sein Gefühl für die Schönheit zugunsten des Tourismus hintanzustellen.

Es geht doch um den Stolz der Landesregierung

Solche Rücksichten kannten weder Nationalsozialisten noch Kommunisten. Die Nazis planten 1937 hier eine Straßenbrücke, die SED eine achtspurige Quasi-Autobahnbrücke. Baubeginn sollte 1990 sein.

Geradezu verbissen kämpft nun seit Mitte der 1990er Jahre die sächsische Landesregierung für die Brücke – obwohl der Dresdner Stadtrat ursprünglich offengelassen hatte, ob die geplante Verkehrsverbindung, dessen Notwendigkeit kein Stadtplaner ernsthaft bezweifelt, als Brücke oder Tunnel verwirklicht werden sollte. Doch beim Volksentscheid wurden die Bürger nicht gefragt, ob sie eine Brücke oder einen Tunnel bevorzugten. Es hieß Brücke oder gar nichts. „Ihr seid mir scheene Demokraten“, wie der letzte sächsische König sagte.

Offensichtlich geht es hier nicht um die Sache, sondern um den Stolz der Landesregierung, die am einmal beschlossenen Vorgehen festhalten will. Einen Tunnel will sie nicht mitfinanzieren, obwohl Volkwin Marg von Deutschlands renommiertestem Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner die Machbarkeit einer Tunnellösung, die nicht teurer wäre als die geplante Brücke, mit – kostenlos eingereichten – Gutachten belegt hat.

Lob der Hausbesetzer und Gutmenschen

In einem Schreiben an den Stadtrat hat Marg den sicher sehr lukrativen Auftrag, eine Studie für die geplante Brücke zu entwerfen, mit der Begründung zurückgegeben, er wolle sich nicht kompromittieren. Das sollte ein Weckruf sein. Es geht hier eben nicht um Technikfeindlichkeit versus Moderne, Unesco gegen Sachsen, Fledermäuse kontra Bürger.

Es geht darum, zwischen zwei technischen Lösungen jene zu wählen, die unaufdringlicher und schöner ist. In seiner Wohnung legt man ja auch die Leitungen unter Putz – und lässt sich das sogar etwas kosten. Abwasserrohre müssen sein, aber sie müssen nicht unbedingt durchs Wohnzimmer führen.
Vierzig Jahre lang hat die SED mit der Abrissbirne, der Platte, dem künstlichen Mangel und der gewollten, gigantomanen Hässlichkeit den ästhetischen Sinn ihrer Bürger abzutöten versucht.

Mit einigem Erfolg, muss man befürchten. Besserwessi-Überlegenheit ist allerdings fehl am Platz: Erst Gutmenschen und Hausbesetzer haben gegen die auto- und bürogerechte Stadt die Vorstellung von der Stadt und ihrer Umgebung als gute Stube eines neuen Bürgertums zum Durchbruch verholfen. Dialektik der Aufklärung: Vernunft und Zivilisation sind zuweilen auf der Seite der Romantiker. Diese Brücke zu verhindern ist Bürgerpflicht.