Stand: 8. März 2006
Presseschau

Das Blaue Wunder

Auf einer Veranstaltung der Bürgerinitiative Blasewitz am 27. Februar skizzierte der Brückenfachmann Dr. -Ing. Eberhard Katzschner eine reale Zukunftsvision für das Blaue Wunder. Dr. Katzschner hat im Jahre 1998 im Auftrage des Straßen- und Tiefbauamtes zusammen mit dem Ing.-Büro GMG Dresden das entscheidende Gutachten zur Belastbarkeit des Blauen Wunders erstellt. Es widerlegte die vorher kursierende Behauptung, das Bauwerk stehe kurz vor seinem altersbedingtem Ende. In dem Gutachten hatte das von Dr. Katzschner geleitete Ingenieurbüro für Bauwesen die Belastbarkeit des Bauwerkes untersucht.

Immer wieder gibt es Gerüchte über den Zustand des Blauen Wunders, oft wird eine Sperrung für den Verkehr befürchtet. Was können Sie dazu sagen?

Das Bauwerk in seinem heutigen Zustand ist bis ca. 2030 nutzungsfähig. Um diese als Restnutzungsdauer definierte Zeitspanne jedoch zu gewährleisten, sind einige Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten notwendig, die in einem Maßnahmeplan sowie in einem Wartungsprogramm vorgeschlagen werden. Darüber hinausgibt es die Empfehlung zur messtechnischen Überwachung des Bauwerkverhaltens. In der nationalen und internationalen Fachliteratur sind dazu bereits verschiedene Veröffentlichungen erschienen.

Den Dresdnern aber geht es auch um die Zeit nach der Restnutzungsdauer. Die Brücke ist längst zum technischen Wahrzeichen geworden, wie in London die Tower Bridge, in Sidney die Harbour Bridge oder in San Franzisko die Golden Gate. Für jedes dieser Bauwerke sind Lösungen gefunden worden, sie dauerhaft zu erhalten. Wie könnte eine solche Lösung für das Blaue Wunder aussehen?

Eine solche Lösung könnte beim Blauen Wunder eine Brücke-in-Brücke-Konstruktion sein. Gemeint ist eine Schrägseilbrücke, die zwischen den alten Haupttragwänden eigenständig den Verkehr auf zwei Fahrspuren übernimmt und gleichzeitig die konturgebenden alten Fachwerke stabilisiert.

Soll der Fahrbahnbereich vom Haupttragwerk tatsächlich getrennt werden und total neu entstehen?

Ja. Das Heraustrennen des Fahrbahnrostes ist bei dieser Lösung vorgesehen. Es verbleiben jedoch kurze seitliche Trägerstummel an den Hauptträgern, die als Kontaktstellen zur statischen und stabilisierenden Verbindung des alten mit dem neuen Bauwerk dienen.

Die Schrägseilbrücke in der Brücke nimmt also allein für die Last von Fahrbahn und Verkehr auf. Hat die alte Brücke nur noch die Fußwege zu tragen?

Genauso ist es. Die historische Konstruktion soll nur noch für die Fußwege da sein. Die Ingenieuraufgabe besteht nun darin, das statischen System neu zu bestimmen. Dazu gehört vor allem die spezifische Einbindung der alten Fachwerkuntergurte in die neue Straßenplatte im Sinne eines horizontalen Kräfteschlusses. In vertikaler Richtung hingegen darf sie keine feste Verbindung eingehen, damit das unterschiedliche Schwingungs- und Dehnungsverhalten zwischen alter und neuer Brücke unbehindert ausdifferenziert werden kann.

Die Lösung solcher Probleme ist offensichtlich voller ingenieurtechnischem Reiz. Steht es mit den Scheitelgelenken nicht ähnlich?

Ja, hier muss der Versteifungsträger der Schrägseilbrücke eine spezielle gelenkkompatible Ausbildung erhalten. Dabei sind die Eigenschaften des alten Scheitelgelenkes, das ebenfalls bestehen bleibt, mit zu berücksichtigen.

Nun ist das Blaue Wunder ein Wahrzeichen Dresdens. Bleibt bei Ihrem Lösungsvorschlag das Erscheinungsbild der Brücke erhalten?

Durch eine entsprechende Aufhängung kann erreicht werden, dass die Konstruktionshöhe der neuen Fahrbahnplatte von der heutigen Höhe nicht abweicht. Dazu werden mindestens sechs Seilstützungen an die Fahrbahnplatte heranzuführen sein, je eine in den Randfeldern, je vier im gesamten Mittelfeld, so dass sich die statisch wirksame Spannweite und damit die Konstruktionshöhe des neuen Brückenkörpers gering halten lässt.

Welche weiteren Besonderheiten zeichnet die Brücke-in-Brücke-Konstruktion aus?

Es werden zwei Rahmenpylone aus Kastenprofilen aufgestellt. Sie können in den Achsen der alten Lagerlinien stehen, so dass sie seitlich der neuen Fahrbahn zu keiner Einengung der Straßenbreite führen. Aufgrund ihrer ausgesprochenen Schlankheit werden sie optisch so gut wie kaum in Erscheinung treten. Im Grunde könnten sie innerhalb der bestehenden Pylone visuell verschwinden. Genauso ist es mit den Tragseilen der neuen Brücke. Sie verstecken sich optisch hinter der alten massiven Konstruktion und dürften somit kaum auffallen.

Am Ende müssen die Kräfte bis in den tragfähigen Untergrund des Bodens geführt werden. Jedoch die sichtbaren Risse in den alten Pfeilern sind sicher keine gute Voraussetzung dafür. Was wäre ihrer Meinung nach zu tun?

Man kann Bohrpfähle in den jeweiligen Achsen der Pfeiler mit neuen, im Pfeilerkopf zwischen den vorhandenen Lagern eingeführten Auflagerbänken einbringen. Erforderlich werden in diesem Zusammenhang elastische Stützungen des alten Pfeilersystems mit den Bohrpfählen längs der Berührungsflächen.

Es ist wunderbar, zu hören, dass auf diese Weise das Blauen Wunder als funktionsfähiges Verkehrsbauwerk dauerhaft erhalten werden kann. Welche Baukosten würde denn eine solche Maßnahme verursachen?

Man muss ganz sicher mit 50 – 70 Mio Euro rechnen. Darin enthalten sind die hohen Planungskosten sowie eine provisorische Brücke unmittelbar neben der Baustelle für den Zeitraum von ein bis zwei Jahren.

Das ist aber augenscheinlich gut angelegtes Geld, denn das bestehende System der Zufahrtstraßen zu den Brückenköpfen kann weiter genutzt werden, wodurch immense Kosten gespart werden. Dennoch ist ungewiss, ob die Dresdner 3 3 Stadtverwaltung das Konzept der dauerhaften Erhaltung des Blauen Wunders zu ihrer eigenen Sache macht. Darum habe ich am 27. Januar die Gründung eines Vereins zur Erhaltung des Blauen Wunders angeregt. Auch Sie, Herr Dr. Katzschner, gehörten zu den spontanen Unterstützern dieser Initiative. Welche Hoffnungen knüpfen Sie an eine solche Aktivität?

Mit diesem Verein können wir Fachkompetenz bündeln und nationales Interesse an diesem Bauwerk anregen. Der Verein kann kompetente Stahlbauingenieure aus dem In- und Ausland ansprechen und Lösungen sowie Handlungswege zur Erhaltung und dauerhaften Nutzung des Blauen Wunders aufzeigen. Der Verein sollte sich ausdrücklich als konstruktiver Partner der Stadt Dresden verstehen. Für die Dresdner möchte ich auch auf die Arbeit von Karsten Geißler hinweisen, die 2004 in der Zeitschrift „Der Stahlbau“ unter dem Titel „Die Elbebrücke Blaues Wunder in Dresden - Tragwerk und Maßnahmen zur weiteren sicheren Nutzung“ veröffentlicht wurde.

Das Gespräch führte Michael Kaiser