Stand: 8. März 2006
Presseschau

„Kostet viel, nützt wenig, schadet langfristig allen“

Udo Becker sieht keinen Unterschied zwischen Ökonomie und Ökologie, langfristig sei beides identisch. Das predigt der 45-jährige Experte für Verkehrsökologie der TU Dresden seinen Studenten, doch in Stadt und Land seien solche und andere, einfachste Einsichten nicht vorhanden. Sein bestes Beispiel: die Waldschlößchenbrücke. Ein Bauwerk, das Dresden nicht braucht. Warum das so sein soll, darüber sprach DNN-Redakteur Ralf Redemund mit dem Wissenschaftler, der vor seiner Tätigkeit an der TU (seit 1994) jahrelang beim renommierten Beratungs-Unternehmen Prognos AG in Basel tätig war.

Was spricht für den Bau der Waldschlößchenbrücke?

Das frage ich mich auch. Es gibt keinen langfristig sinnvollen Grund, sie zu bauen. Warten Sie! Oder doch: Weil man sein Gesicht nicht verlieren will. Weil man schon so lange darüber diskutiert. Weil man gewissen Leuten gegenüber im Wort steht. Weil man ein gutes Verhältnis zur Staatsregierung haben will. Weil man für die Bauwirtschaft Arbeitsplätze schaffen will.

Was ist mit den Staus in Dresden? Bringt die Brücke keine Entlastung?

Unsinn. Ich kenne keine andere deutsche Großstadt, in der der Verkehr auf den Hauptstraßen so flüssig rollt. Wie gut es Dresden geht, beweisen auch die seit Jahren durchgeführten Reisezeitmessungen meines Kollegen Prof. Werner Schnabel. Im Gegenteil: Der Verkehr in Dresden wird seit Jahren immer flüssiger – allen Prognosen zum Trotz.

Was stimmt nicht an den Prognosen?

Alle Annahmen stimmen nicht. Die Einwohnerzahl ist drastisch zurückgegangen statt gestiegen. Die Bevölkerung wird drastisch älter. Und im Alter fährt man weniger Kilometer.

Aber auch Ältere wollen mobil sein!

Ja, unbedingt! Das ist Menschenrecht. Wir müssen aber grundsätzlich unterscheiden: Mobilität ist etwas anderes als Verkehr. Man kann viel Mobilität haben mit wenig Verkehr oder viel Verkehr für wenig Mobilität. Mobilität sind Aktivitäten oder Ziele, die ich erreiche, Verkehr sagt, welchen Aufwand ich dazu benötige (Benzin, Stahl, Kilometer, Lärm, Abgase). Die Waldschlößchenbrücke schafft nur wenig Mobilität, produziert aber viel Verkehr. Das müssen sie erläutern. Mit der Waldschlößchenbrücke wird es billiger, leichter, schneller für das Auto. Darunter leiden die Dresdner Verkehrsbetriebe: weniger Kunden, weniger Einnahmen, geringere Taktzeiten. Zum anderen leiden alle anderen Straßen der Stadt. Der Unterhalt ist schon jetzt nicht gewährleistet. Hinzu kommen die Kosten für den Unterhalt der Brücke. Der Lärm, der durch den Verkehr über die Brücke erzeugt wird, überschreitet alle gesetzlichen Vorgaben und Normen. Außerdem wird die Umwelt durch Feinstaub, Benzol und Stickoxide belastet – auch hier weit über den Grenzwerten zum Gesundheitsschutz liegend. Hier wird die Schädigung der Gesundheit bewusst in Kauf genommen. Ich halte zum Beispiel die Lärmwerte für menschenverachtend.

Aber die Brücke entlastet doch die Innenstadt von Verkehr!?

Nur wenn man statisch und kurzfristig denkt: vielleicht in den ersten Jahren ein wenig. Und dann? Dann haben sich alle eingerichtet. Autofahrer fahren öfter und weiter. Der eine oder andere steigt vom Bus aufs Auto um. Manche ziehen aus der Stadt raus. Endergebnis: Dieselben Leute fahren für dieselbe Mobilität mehr Kilometer. Und das bedeutet neuen Stau… Das ist übrigens der Hauptfehler der vorliegenden Planung: Die komplette Raumordnung wird geändert, ohne dass das Berücksichtigung findet. Systemzusammenhänge werden völlig außer Acht gelassen. Dresden versucht, zu viel Verkehr durch attraktive Verkehrswege zu bekämpfen. Das hat noch nirgendwo funktioniert. Es gibt keine Stadt der Welt, die damit erfolgreich gewesen wäre.

Was würden Sie sich wünschen?

Dass intelligenter geplant wird. Dass Mobilität erhalten oder ausgebaut wird, ohne Schäden und Schulden. Eine aktuelle Studie des sächsischen Umweltministeriums über externe Kosten, also Schädigungen von Dritten, zeigt, dass jeder Sachse im Jahr etwa 2000 Euro an Schäden verursacht, die er nicht bezahlt, sondern den anderen (Menschen, Ländern, Generationen) angelastet werden. Wir alle wollen unsere Vorteile an der Mobilität haben, aber die Kosten des Verkehrs dafür sollen andere tragen. Dafür wird geplant, gebaut, dafür werden Schulden gemacht und andere dringende Aufgaben (Schulen, Bildung, Sozialsystem) vernachlässigt. Das ist einfach un-nachhaltig.